hamburger
close
Startseite » Blog » „Kunden aus dem Mittelstand müssen sich überlegen, ob sie die eigenen Prozesse auf den SAP-Prozess reduzieren wollen“

„Kunden aus dem Mittelstand müssen sich überlegen, ob sie die eigenen Prozesse auf den SAP-Prozess reduzieren wollen“

21.06.2018, von | Kategorie: Gastbeitrag, Interview
Katalogsysteme und E-Procurement von Dienstleistungen – zwei verschiedene Paar Schuhe?
Mit 5 Tipps zur richtigen Procurement-Lösung

Die „Cloud first“-Strategie von SAP, das neue Lizenzmodell für Drittlösungen und das kommende Wartungsende von SAP SRM – gleich drei tiefgreifende Änderungen, die besonders mittelständische Unternehmen herausfordert, mittelfristig die Weichen neu zu stellen. Welche Optionen für den SAP-basierten Einkauf gibt es und was bedeuten diese speziell für die Dienstleistungsbeschaffung? Über die Zukunft des SAP-basierten Einkaufs haben wir mit Jürgen Ruge, Geschäftsführer von 2bits und Projektpartner von Futura Solutions, gesprochen. Was ist die größte Veränderung, auf die sich mittelständische Unternehmen bei SAPs Cloud first-Strategie einstellen müssen?

Jürgen Ruge: Die SAP-Strategie bezieht sich in erster Linie auf Konzerne, für die es in Teilbereichen sinnvoll ist, einen zentralisierten Beschaffungsprozess in der Cloud z. B. für MRO-Artikel einzuführen. Auch ganz kleine Firmen profitieren, weil sie das Rad nicht neu erfinden müssen. Problematisch wird das Ganze aber im Mittelstand, weil hier bisher meist Individuallösungen favorisiert wurden. Diese Kunden müssen sich jetzt überlegen, ob sie ihre kundeneigenen Prozesse gänzlich auf den SAP-Prozess reduzieren oder was sie in Zukunft tun. Die meisten wollen ihre Prozesse nicht alle harmonisieren und weichen in Scharen auf Non-SAP-Lösungen aus – diesen Weg gehen aber sogar Konzerne wie Airbus oder die Telekom.

In den regulierten Märkten in Deutschland wie etwa die Versorgungswirtschaft ist es aber auch nicht erlaubt, die Daten in einer Public-Cloud-Lösung in Amerika zu halten, und von daher müssen diese sowieso einen anderen Weg einschlagen.

Fokus Dienstleistungsbeschaffung: Was kommt nach SAP SRM?

Jürgen Ruge: Die Dienstleistungsbeschaffung in der SAP-Welt war und ist immer schwierig. Anstatt hier im S/4HANA neue Wege zu gehen, entschied sich SAP, dieses Thema der Simplifizierung unterzuordnen. Lean Services ist von nun an die Devise. Es gibt jetzt nur noch eine neue Materialart für Dienstleistungen – die neuen FIORI-Oberflächen kennen keine Abwicklung für den Positionstypen „D“ mehr. Kunden, die bisher MM-SRV, das Servicemodul zur Abbildung mehrstufiger Leistungsverzeichnisse,  genutzt haben, können über Fiori-Apps nicht mehr darauf zurückgreifen. Ich halte das für einen riesigen Rückschritt und es bleibt abzuwarten, wann Firmen mit einem hohen Dienstleistungsanteil in der Beschaffung wie die RWE der SAP so viel Druck machen, bis es zu einem Rückzieher kommt. Ich gehe davon aus, dass dies noch ca. zwei Jahre dauern wird.

Und wie sieht es mit dem„SAP SRM Move“-Programm aus, mit dem Unternehmen der Umstieg in die Cloud schmackhaft gemacht werden soll?

Jürgen Ruge: Das ist eine Initiative, die es unter einem anderen Namen schon einmal gab: SAP Ariba Snap. Sie sollte speziell mittelständischen Unternehmen den Weg in die Ariba-Cloud ebnen, hatte jedoch nicht den Erfolg wie angedacht. Das Problem: zu starre, vorkonfigurierte Workflows, die nicht verändert werden können, und letztlich nicht unerhebliche Projektkosten. Das macht den Einkauf nicht sehr glücklich. Eine Marktplatzlösung eines Non-SAP-Anbieters bleibt daher für viele Mittelständler weiterhin eine echte Option.

Wo hat denn das Ariba-Netzwerk seine Grenzen?

Jürgen Ruge: Als Cloud-Lösung muss Ariba nicht lange implementiert und eingerichtet werden. Erfolge mit einfachen hier abgebildeten Prozesses sind entsprechend schnell zu vermelden. Den größten Nutzen haben multinationale Konzerne wie 3M oder Bayer mit weltweiten Niederlassungen und ebenfalls global agierenden Lieferanten. Schauen wir jedoch auf den europäischen oder speziell den DACH-Raum, sieht das schon wieder anders aus. Lufthansa beispielsweise setzt Ariba nur außerhalb von Deutschland ein.

Ein Grund ist die Datensicherheit, die an allen Ecken verbesserungsfähig ist. Zum jetzigen Stand kann ich nur davon abraten, geschäftskritische Dokumente wie Engineeringausschreibungen über das SAP Ariba Netzwerk auszutauschen. Die NSA hört mit und es ist davon auszugehen, dass sie Daten den amerikanischen Konkurrenten zukommen lassen – unter der Trump-Administration wird das auch sicher nicht sonderlich restriktiv gehandhabt.

Welche Neuerungen von S4/HANA stärken speziell den Einkauf im Rahmen der Digitalisierungsstrategie?

Jürgen Ruge: Im S/4HANA ist der größte Vorteil in den analytischen Fähigkeiten zu sehen. Das Einkaufscontrolling macht einen Quantensprung, weil jede Menge Kennzahlen in neuen Apps ohne Zusatzkosten zur Verfügung stehen. In der operativen Abwicklung hingegen ändert sich nicht viel. Im Gegenteil: Es fallen einige Dinge einfach im Rahmen der Simplifizierung hinten herunter, wie etwa die Dienstleistungsabwicklung in den FIORI Apps.

In welchen Fragen ist besonders der Einkauf gefragt, wenn Unternehmen einen Umstieg auf S/4HANA planen?

Jürgen Ruge: Hier geht es erst einmal um die Umstellung der Kreditoren zu Geschäftspartnern, da es im neuen System keine klassischen Kreditoren mehr gibt. Das können die Kunden aber auch jetzt schon anstoßen, damit sie später diesen komplexen Schritt nicht machen müssen.

Kunden, die bisher das SAP SRM genutzt haben, stehen nun vor der Herausforderung, dass individualisierte Prozessabläufe nicht mehr adäquat abgebildet werden können. Hier muss dann entschieden werden, ob man entweder darauf verzichtet oder zu Ariba wechselt oder einen Drittanbieter wählt. Wir von 2bits verfolgen den Ansatz, die SAP SRM Funktionen im ERP-System abzubilden. Es gibt dann keine Schnittstellen oder Systemprobleme mehr, weil alles in einem System läuft.

Das neue SAP-Lizenzmodell sorgt derzeit für Diskussionen – geht es Ihrer Meinung nach in die richtige Richtung?

Jürgen Ruge: SAP versucht gerade – analog zu ORACLE – Kunden an allen Ecken und Enden durch neue zusätzliche Lizenzzahlungen oder Transaktionsgebühren zu belasten, und das ohne neue Funktionen zur Verfügung zu stellen. Das geht meines Erachtens viel zu weit, weil die Kunden jetzt für schon lizensierte Funktionen und User noch einmal zusätzlich zahlen sollen.

Die Gegenwehr vonseiten der DSAG reicht nicht aus, hier zeigt sich der große Einfluss von SAP auf die Interessensvertretung der deutschsprachigen SAP-Anwender. Die IA4SAP, der internationale Zusammenschluss der SAP-Partner, geht schon einen Schritt weiter, weil sich hier hauptsächlich die tatsächlich betroffenen Drittanbieter zusammengetan haben, um für eine faire Lizensierung zu sorgen. Das Thema wird wahrscheinlich im nächsten Jahr noch für viel Gesprächsstoff sorgen, im Bereich der Versorgungswirtschaft gibt es bereits Gegenbewegungen weg von der SAP zu einer eigenentwickelten Lösung, die kostengünstiger ist.

Welchen Beitrag wird SAP zukünftig zum „Einkauf 4.0“ leisten?

Jürgen Ruge: SAP puscht gerade technische Lösungen wie Predictive Maintenance, die vorausschauende Wartung. Bis das in der Breite funktioniert, wird es aber noch ein paar Jahre dauen – und wenn SAP dabei an jeder Maschinentransaktion verdienen will, kann ich mir nicht vorstellen, dass das zu einem Erfolg wird. Spracheingabe ist ein weiterer Bereich, auf den SAP verstärkt setzt. Allerdings denke ich nicht, dass hier mit einem Quantensprung zu rechnen ist.

Grundsätzlich gibt es seit Jahren sehr viele Möglichkeiten einer medienbruchfreien Belegverarbeitung von der Anforderung bis zur Rechnung. Das größte Hemmnis sind die Kunden, die hier in der Mehrheit viel zu gering investiert haben. Und das wird sich vorerst auch nicht nennenswert ändern, da die Verunsicherung wegen S/4HANA und Ariba anhält. Bis endlich einmal Klarheit darüber eingetreten ist, was z. B. angesichts Simplifizierungsliste, die 920 Seiten umfasst, langfristig unterstützt wird, werden auch nur kosmetische Investitionen getätigt.

Herr Ruge, vielen Dank für das Interview.

 

Über 2bits GmbH:

Mit über 20 Jahren Erfahrung verbindet 2bits unterschiedliche Wissens- und Kompetenzbereiche zu einem ganzheitlichen Beratungsansatz in der SAP-orientierten Beschaffung. Die Prozessexperten erstellen innovativ integrierte Einkaufslösungen für SAP ERP und S/4 HANA, die einem gehobenen Standard der Datensicherheit gerecht werden. Als langjähriger Partner von Futura Solutions bringt 2bits ihr Technologie- und Integrations-Know-how entlang der gesamten P2P-Wertschöpfungskette ein.
www.2bits.de

Katalogsysteme und E-Procurement von Dienstleistungen – zwei verschiedene Paar Schuhe?
Mit 5 Tipps zur richtigen Procurement-Lösung
Geschrieben von:
Sabine Avella Salazar

„Kompliziertes einfach und Einfaches spannend machen"

Redakteurin, Marketingfachfrau und seit 2017 zuständig für die externe Kommunikation bei Futura Solutions. Ihr Interessenschwerpunkt im Blog: Interviews und Beiträge mit einem etwas breiteren Blick auf Märkte und Kunden.

Kurzer Draht zu uns

Ein FUTURA-Experte beantwortet gerne Ihre Fragen
+49 611 33 460 300

Nachricht

Weitere Informationen gewünscht? Kontaktieren Sie uns

Anwender-Support

Sie benötigen Unterstützung? Unser Support-Team hilft gerne weiter
+49 611 33 460 460